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Elisa sagt

Es ist die größte Herausforderung für die Kulturwelt seit langem, sagt Elisa am Telefon. Keine Revolution oder was sagen Sie?
Ihre Stimme ist tief und ich stelle sie mir sitzend vor, trotz ihrer apokalyptischen Aussagen sitzend wie immer. Sie bietet 3 kostenlose Übungsstunden an, mit Abstand und Maske oder digital. Für jede und jeden, die am Telefon richtig reagieren. „Angemessen“, so heißt es im Inserat.
Ich habe einfach hallo gesagt, und dann: Eine Herausforderung, wieso auch nicht. Zuletzt sage ich, weshalb ich angerufen habe: Klavierstunden natürlich. Gerade in diesen bewegten Zeiten.
Das dachte ich mir schon, sagt sie, einverstanden.
Im selben Moment höre ich über mir einen Kranich kreisen.

Mein Werdegang: Eine riskante Entscheidung, daraufhin sehr viel Arbeit in der Gastronomie, über Jahre und ohne Atemholen. Das Klavier in der Kneipe sah ich meistens nur von weitem, mir fehlten die Töne und meine Finger beim Anschlag. Der Filzgeruch der Tasten.

Elisa sagt: Setz dich, ich bin Elisa.
Sie selbst sitzt schon schräg gegenüber an ihrem Keyboard.
Sie sagt: Klavierspielen ist nicht schwer, aber es ist schwer, sehr schwer, ein guter Klavierspieler zu werden.
Die erste Stunde ist großartig, es tut so gut, wieder zu spielen, sie ist viel zu schnell vorbei. Die zweite Stunde ist sehr hart, nichts geht von selbst, die Finger fühlen sich an, wie ich mich fühle: Schwergängig und ausgewrungen. Sie erinnern sich nicht an die Leichtigkeit, die es braucht.
Das ist die Anspannung, sagt Elisa, die finanzielle Unsicherheit. Sie können gerade nichts anderes tun, sagt sie. Lassen Sie lieber los.

Zuhause liege ich wach und Bilder ziehen vorbei: Routinierte Überstunden am Tresen. Alleine der Business-Plan dauerte Monate. Arbeitsschübe, die auf Zusammenbrüche folgten. Schließlich die Kreditanfrage bei der Landesbank. Ich weiß, dass Elisa Recht hat. Ich schlafe lange und spüre die Mittagssonne an meinem Hals, auf meinen Schultern, bevor ich aufstehe.

Wieder kreist der Kranich. Elisa sagt nichts und ich höre die Melodie, bevor ich sie spiele. Mein Körper übernimmt von selbst, die Finger titschen wie Steine auf dem flachen Wasser und bis ans Ufer gegenüber. Dort fügen sie sich sanft ins Sandbett.

Grüne Nächte

Nicht einmal Laternen flackern
Nicht einmal die schwarzen Schatten
Wandern; die Straßen öd
Wie jede Nacht gefegt

An Gespenster denke ich
Ich denke an die alten Nächte
Grau und von blassem Grün und Nebel
Die Menschen, die Schatten hausgemacht
Die über der Grenze
Ödland. Nacht

Oft lese ich lange unter der Lampe
Die Bücher lebendig und die Geschichten
Wachsen daraus wie aufgeklappt
Hier sind die hellen Tage am Horizont
Vor parkenden Autos
Vor einem Fluss aus Teer
Vor Straßen öd und hier und da Laternen
Möchten sie sein und weiter werden
Und Nebel. Und während
Im Hintergrund Lichter blühen
In Sicht bloß lange Wochen
Die auf leiser Flamme kochen und schweben

Die Seiten schwer von Druckerschwärze
Die Bücher aufgeklappt; sie wachsen
Die Nächte leuchten dagegen
Sie leuchten grün und grau
Es sind die alten Nächte
Dunkel geworden und sternenklar

Das ist der Zugang zu der FHS in Bocholt (piqs.de ID: 7977ca75a659829d9de8df9f2fdc6998)

 

 

 

 

 



Fotograf: IG Foto. Titel: Der Grüne Weg.
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