Wortwärts

Veröffentlicht 12/17 in der Zeitschrift „Ort der Augen“ 4-17, Halle.

Es gibt andere Arten, sich kaputt zu machen, aber ich war lange Zeit süchtig nach Worten, sage ich. Dann lege ich mein Schild zur Seite, so dass es niemand sehen kann. Gerade brauche ich es nicht, ich habe ja jemanden, der mir zuhört. Dazu lege ich die Spendenbox und mein neues Telefon, das ich endlich gekauft habe. Nach vielen Jahren bin ich zurückgekommen, jetzt, wo das wieder möglich ist, und habe mir ein Telefon gekauft. Auf dem Schild steht: Gegen einen Spende erzähle ich dir meine Geschichte. Spendenempfehlung: 1-10 Euro. Es ist eine gute Geschichte, das weiß ich, aber ich würde sie so oder so erzählen.

Mit einem Lächeln, an das ich mich erinnere, legt sie 15 Euro in die Box. Ich kenne sie aus einem Leben vor den Worten, und dafür muss ich weit zurückgehen. Von hier oben führt ein kleiner Gebirgsbach ins Tal. Irgendwann wird er größer und mündet in einen Ort, aus dem sie kommt und aus dem ich auch komme.

Hier kommt fast nie jemand vorbei, hier gibt es nur wenige Worte. Hier ist alles Luft und Berge, und nicht viel mehr als das. Hier passieren Dinge, die schwer erklärbar sind. Es ist gerade das, was ich brauche. Ich rücke ein Stück zur Seite, das hilft, ich habe Angst vor zu großer Nähe. Weißt du, sage ich. Die Berge sind ringsum, überall, alles anderes vergesse ich. Sie ist sitzen geblieben, hat sich nicht bewegt und ist nicht näher gerückt. Dann schenkt sie sich aus ihrer Thermoskanne Kaffee nach, sie wirkt vorbereitet. Dann erzähl, sagt sie.

Die bekanntesten Dinge, nach etwas süchtig zu sein, sind Drogen oder Sex, erzähle ich. Vielleicht Arbeit oder Familie, obwohl das ungern zugegeben wird, ohnehin etwas abgeschlagen im Vergleich. Politik ist auch ein gutes Beispiel: Ich kannte jemanden, der in einer Stadt wohnte. Er engagierte sich, für andere, nicht für sich. Es ging ihm um die Sache, und das gefiel mir. Aufgabe, auch das ein Wort für sich.

Auf die meisten Menschen, die ich kenne, wirken Bilder sehr stark, sage ich. Fernsehbilder, Fotografien, Bilder aus Erinnerungen oder Vorstellungen, die sich eingebrannt haben. Diese Bilder lösen etwas aus, und der Mensch ist anschließend ein anderer. So war es für mich immer mit Worten. Sobald ich lesen konnte, las ich überall. Ich las am Essenstisch, laufend auf dem Weg in die Schule, zwischen den Unterrichtsstunden, auf Urlaubsfahrten und zum Einschlafen. Ich wünschte mir, es wäre möglich, auch unter Wasser zu lesen, und mehr als ein Buch ertrank an diesem Wunsch in der Badewanne. Wahrscheinlich las ich auch, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, so denke ich jetzt darüber. Ich las, um nicht mit meinen Eltern sprechen zu müssen, die sich gegenseitig nicht mehr sehen konnten und sich früh getrennt hatten. Ich las, um keinem meiner früh gewaltbereiten Mitschüler in die Augen zu sehen. Manchmal las ich in den Schulpausen und spekulierte, dass mich die Lehrer dabei beobachteten und anschließend besser einschätzten. Als ich diesen Ort verließ, las ich viel, ich war einsam ohne die Worte.

In ihnen fand ich, was ich brauchte. Eine freundliche, hilfereichende Hand, die auch zärtlich sein konnte, die mich antreiben konnte, wenn es nötig war. Abenteuer, versteht sich von selbst, aber auch Alltäglichkeit. Die Worte gaben meinen Tagen Struktur, sie waren biegsam und anpassungsfähig. Es gibt so viele Worte. Ich las morgens und mittags, abends und nachts, sie waren wie Mahlzeiten und prägten meine Gefühle, mein Denken und meine Art, die Welt vor sich zu haben. Es waren meine Worte, sage ich, sie gehörten mir und sie berauschten mich.

Du siehst, wie mich die Worte weiter tragen. Für mich waren sie all das, die Drogen, der Sex und die Familie. Arbeit und Politik. Eine solche Kombination macht sehr schnell abhängig.

Ich unterschied nicht mehr zwischen den Worten, sage ich. Sie mussten gut sein und sie mussten ehrlich sein. Sie durften keinesfalls überzählig, verschwenderisch oder aufgesetzt sein. Sie konnten turmhoch sein oder sich klein und schüchtern verstecken. Es gab einen Ort, den ich nicht kannte, aber daher kamen sie. Ich war nicht dabei bei den Worten, sie passierten ohne mich, ich war nur der, der sie aufsammelte.

Ich wertete die Worte nicht gegeneinander, es gab nicht bessere oder schlechtere Worte. Was es gab, waren richtige Worte. Ein Wort von Jules Verne war in der Lage, dasselbe auszulösen wie ein sicherlich bedachteres Wort von Rilke. Der Videotext konnte mich begeistern genau wie Untertitel im Kino, die es leider sehr selten gab. Gedichte von Ezra Pound reihten sich unterschiedslos an Fremdworte, die Statistiken der Fussball-Bundesliga oder umstürzlerische Slogans auf heruntergekommenen Jugendzentren. In jedem Wort steckte mehr als dieses. Und andererseits war es gerade faszinierend, wie präzise Worte waren. Ich liebe es, wenn Worte für sich selbst sprechen.

Auch eine Mischung aus vielem war möglich, etwa ein langes, ganz nachdenkliches Wort wie Autofahrt. Wenn ich an Autofahrt dachte, dachte ich sie mir immer ohne Artikel. Autofahrt war ein Wort, nicht mehrere. In diesem Wort war immer schon die endlose und kontemplative Tour durch eine französische Landschaft angelegt, durch Alleen von Lavendel und mit dessen Duft verbunden, nach Stunden des Schweigens und der Stille die Aussicht aufs Meer, in das man erst über Serpentinen und dann direkt über den Strand hineinfuhr. Für mich ist Autofahrt ein helles Wort, wie der feine Sand, an den ich denke.

Ich gestikuliere, zeichne den Weg ins Tal, ins Meer nach. Ich brauche meine Arme, zum Lesen und zum Schwimmen. Ich schwamm in den Worten, nicht wie ein Fisch, ich ließ mich treiben. Dann ging ich unter, sage ich, und das ist nur folgerichtig, wenn man seine Arme nicht gebraucht.

Mein Telefon meldet sich, der Texteingang blinkt auf: Willkommen zurück, Ihr Telefonanbieter, dabei hatte ich vorher noch nie ein Telefon. Es ist die erste Nachricht, die ich bekomme, und sie fühlt sich aus der Vergangenheit an. Aber ich möchte noch keine Nachrichten lesen, und ich möchte noch keine verschicken. Warum ich das Telefon gekauft habe, ist mir ein Rätsel. Ich sehe mich um und sehe Berge, keinen Aufschluss über das Telefon. Jetzt bin ich hier und erzähle, und das ist wichtig.

Zugleich führten die Worte ein starkes Eigenleben, sage ich, die Gefahren sah ich noch nicht. Im Laufe der Jahre brauchte ich mehr davon, mehr von den Worten. An ein Wort wie Autofahrt verschwendete ich keinen Gedanken mehr. Die neuen Worte waren Grenzschutz, Reaktorunfall oder Familientragödie. Mit Worten, die einfache oder problemfreie Bedeutungen haben, konnte ich nichts mehr anfangen. Ich wehrte mich nicht dagegen, ich vermisste sie nicht.

Wieder holt mich das Telefon aus meinem Erzählfluss, der sich verselbständigt hat. Aber auch das Telefon geht eigene Wege, die ich nicht verstehe. Unbekannte Nummer, sehe ich auf dem Display. Ich weiß nicht, wo ich lautlos stellen kann, nehme mir aber vor, das herauszufinden. So muss ich warten, bis es aufhört, und so ähnlich war es auch mit den Worten, erinnere ich mich. Manche Dinge muss man aussitzen, bis sie nicht mehr im Kopf nachklingen.

Erst jetzt kann ich sagen, dass ich in dieser Zeit von den Worten abhängig wurde. Oft trieb ich mich tagelang unglücklich durch die Straßen, immer auf der Suche nach einem neuen Wort. Aber die Kraft hatte sich aufgebraucht, ich fand kein Wort mehr.
Ich sehe sie an und sage nichts. Sie schweigt wie bisher, vielleicht lächelt sie schon die ganze Zeit. Weißt du, sage ich, aber sie weiß mehr, als ich weiß.

Heute, sage ich, bleiben mir nur ganz grundlegende Worte übrig. Worte wie Wasserkocher, Geld verdienen oder Rückenschmerzen.
Und wie geht es weiter, fragt sie.
Ich weiß es nicht, denke ich, aber ich sage:
Mal sehen, wie weit mich meine Füße ins Tal tragen.
Und dann habe ich auch schon den ersten Schritt gemacht.

Gemeinsam laufen wir ein paar Schritte am Bach entlang. Bald kommt ein See, ich erinnere mich und stolpere dabei. Sie fragt nicht nach, das ist gut so, fürs erste.
Was hast du gemacht, frage ich.
Das oder das, sagt sie, eine Stadt, ein Freund, eine andere Stadt.
Bei mir türmen sich Bilder auf. Wie sie ihre Wohnung einräumt, wie sie schon ans Ausräumen denkt. Kein Dübel in der Wand zuviel. Wie sie gegen ihren Willen einen Menschen trifft, und wie es Monate dauert, bis sie ihn zu sich einlädt. Vielleicht, denke ich, auch gegen meinen Willen. Sie hat nicht viel gesagt, bei Worten geht mir die Phantasie durch.
Das Laufen tut gut, sagt sie, wir lassen Dinge zurück.
Ja, sage ich, aber kommen wir nicht auch Dingen näher?
Lass uns schwimmen, sagt sie, und ich weiß nicht. Plötzlich ist es sehr heiß, und mir wird schwindlig. Das Telefon klingelt, ich krempele meine Hosen um und laufe zum Wasser. Dann spüre ich etwas, und mir ist klar, dass ich das die ganze Zeit gespürt habe. Sie rennt an mir vorbei und verschwindet unter Wasser, und auch ich renne ins Wasser.

Ich denke, wir denken an dasselbe. Wir sind betrunken von der Luft und dem Wasser und allem. Es geht ganz schnell. Beim ersten Bild, das ich mir merken kann, strecken wir uns im Kiesbett aus, nebeneinander. Bevor das zweite Bild eingerastet ist, küsse ich sie und ziehe sie aus, und sie zieht mich aus. Wir sitzen in der brütenden Mittagshitze und niemand traut sich, auch nur einen Schuh auszuziehen. Wir schweigen uns an. Wir denken an das gleiche, gemeinsame Lied ohne Worte, wir ziehen uns aus und sehen uns an, nur kurz, bevor wir übereinander herfallen.

Dann komme ich zu mir, und sie ist aus dem Bild gelaufen. Ein Rückfall, denke ich. Rückenschmerzen, denke ich. Wieder klingelt das Telefon, in immer kürzeren Abständen. Die grundlegenden Worte schwanken, schleudern, ich kann noch nicht schwimmen. Die anderen Worte lauern im Tal, angestaut, viele. Hier, das ist die Mitte. Ich habe solche Angst, ich gehe Schritte zurück nach oben.
Dann steht sie hinter mir.
Gib mir das Telefon, sagt sie, ich gebe es ihr, und sie schaltet es aus.
Die Stille ist groß, der Gebirgsbach noch leise, ganz vorsichtig. Dieses Mal sehe ich sie an, und mir fällt kein Wort dafür ein. Aus den Augenwinkeln sehe ich alles, die Arme, den Kopf und die Schultern. Sie bewegt sich nicht, ich bin stehen geblieben, jetzt wende ich mich zu ihr.
Ich habe eine Wohnung, sagt sie, da unten.
Sie zeigt es mir, ich kann nichts erkennen, aber ich glaube, was sie sagt.