Meine Träume

In dem kleinen Ort, in dem ich aufgewachsen bin und arbeite, kenne ich solche Gebäude nicht. Es ist so groß, dass es sogar bei Google Maps sofort ins Auge springt, und als ich von einer Fortbildung in Leipzig hörte, wusste ich, dass ich dorthin musste. Den Zug buchte ich einen Tag früher als nötig. Sofort nach der Ankunft am Hauptbahnhof bestelle ich ein Taxi und fahre hierher, ohne vorher einen Kaffee zu trinken. Dann stehe ich auf dem Platz vor dem Gebäude und fühle mich verloren. Früher wollte ich auch Jura studieren, das ist lange her, aber ich finde noch heute, dass es ein toller Beruf ist. Nicht, dass ich unzufrieden bin, ich mag meine Arbeit als Lehrer. Doch als ich vor dem Bundesverwaltungsgericht stehe, schlägt mein Herz einen anderen Rhythmus und ich erinnere mich an meine Wünsche.
Unwillkürlich fällt mir Goethes ‚Faust‘ ein, den ich in meiner Schulzeit gelesen habe. Auch dort spricht Faust von der Juristerei, es ist in Auerbachs Keller in Leipzig, wenn ich das richtig weiß. Leipzig! Ich habe mich soviel beschäftigt mit dieser Stadt, aber vorbereitet hat mich das nicht auf diesen Moment. Ich könnte in das Verwaltungsgericht gehen, die Sicherheitskontrollen, über die ich im Internet gelesen habe, machen mir grundlos Angst und ich sehne mich nach dem Kaffee, den ich vorhin nicht getrunken habe. Vielleicht würden sie mit ihren Detektoren meine Träume aufspüren und mein Leben verändern, und nie mehr könnte ich zurückkehren und so weitermachen wie bisher. Vielleicht wäre ich enttäuscht und würde weitermachen wie bisher, aber anders, entmutigt. Vielleicht würden sie mich aus nicht vorstellbaren Gründen an der elektronischen Schranke zurückweisen. Das wäre das Schlimmste. Kaffee! Ich brauche meinen Kaffee, ohne den Kaffee kann ich nicht weitermachen, geradeaus laufen oder nur denken. Das schreibe ich an meine Frau. Ich bin ein wenig stolz, wie einfach das geht und wie gut ich mich an das neue Telefon gewöhnt habe. Sie wird wissen, wovon ich spreche, sie kennt mich jeden Morgen, mit und ohne Kaffee. Ich gehe am Gebäude vorbei, ich gebe mir Mühe, nicht zu ihm hochzusehen. Konzentriert laufe ich zwei Minuten, einen Schritt nach dem anderen, und dann sehe ich einen Bäcker, der bestimmt einen Kaffee für mich hat. Ich drehe mich um. Ich weiß genau, wie die Öffnungszeiten des Bundesverwaltungsgerichts sind: Noch zwei Stunden, von jetzt an.