Mehrere Sommer

Veröffentlicht 10/17 in der Anthologie „Flucht.Punkt.Stadt.“, Jubiläumsedition „Die Räuber’77“, Mannheim.

Es ist so sonnig heute hier unten am Fluss. Silhouettenhaft geschnittene Menschen passieren die Bank, auf der ich sitze. Ein schöner Mann Anfang dreißig mit aufgeknöpftem Hemd, ich denke an Renoirs recht frühe Werke, obwohl das wahrscheinlich gar nicht stimmt. Kinder, Spaziergänger, Paare. Dann sind sie wieder verschwunden in der Hitze, die mich nur ein paar Meter deutlich sehen lässt, dahinter beginnt das Flimmern. Ich stelle mir die Gedanken dieser Menschen vor, meine Gedanken, dann die des schönen Mannes. Die heißesten Temperaturen des Jahres lassen sie steigen, ganz leicht und matt und langsam. Sie schweben in ein gestautes Blau und weiter, bis sie dahinter verschwinden. Ich lege mein Buch zur Seite und glaube, heute ist einer dieser Tage, an dem man sich verlieben könnte oder jemanden erschießen, ohne es richtig zu bemerken.
Und während mich die Sonne dieser heißen Mittagsstunden blendet, erinnere ich mich an einen Tag wie heute. Die Luft stand still und summte dabei leicht doch durchgängig. Die Straßen menschenleer, dort, wo ich herkomme. Sommer 1994, im Juni oder im Juli muss es gewesen sein. 1994 untersuchte ich in meiner Abschlussarbeit das Verhältnis der französischen Intellektuellen zu politischem Engagement und kam zu dem Schluss, dass diese nur selten ihre logische Herangehensweise ablegen können. Mein Bild eines Intellektuellen war größtenteils das eines exakten Wissenschaftlers, auch in der Politik. Ich beschäftigte mich mit Sartre und mit de Beauvoir. Barrès hatte gesagt: „Der Intellektuelle ist ein Individuum, das davon überzeugt ist, dass die Gesellschaft sich auf Logik gründen muss. Er verkennt, dass sie in Wirklichkeit auf früheren und vielleicht dem individuellen Verstand fremden Notwendigkeiten beruht.“ Vor allem interessierte mich Offizier Dreyfus, eingesperrt, weil er Jude war. Fünf Jahre später wurde er wegen eines öffentlichen Aufruhrs und Zolas J’accuse aus der Haft entlassen. Damals wollte ich in der Wissenschaft bleiben und konnte mir noch nicht vorstellen, später Lehrerin zu werden. Zola finde ich inzwischen sehr langweilig, aber gerade heute denke ich gerne an ihn. Für Dreyfus hingegen, den zu Unrecht Leidenden, habe ich all die Jahre ein beinahe zärtliches Gefühl gehegt.
Auch damals hatte sich in der Bevölkerung Widerstand geregt. Ich fuhr 1994 nach Berlin, das auf dem Weg zur Hauptstadt war, um auf die Straße zu gehen. Auf eine Straße, die nicht menschenleer war. Meine Freundin war mit mir nach Berlin gefahren, sie war groß und dürr und lustig. Sie sagte: Kein deutscher Imperialismus, heute müssen wir zeigen, was in uns steckt. Ich sagte: Ja, aber bedenke, dass es auch um die persönliche Freiheit geht, um deine oder meine, oder um die eines jeden Einzelnen heute auf dieser Demonstration. Es gibt auch das Recht, nicht hinzugehen und zu Hause die Füße hochzulegen oder einen Roman zu schreiben. Und dennoch, sagte ich.
Meine Füße juckten, im Geschrei der Menge, das lauter und lauter wurde. Und immer wieder: kein deutscher Imperialismus. Meine Aufmerksamkeit lag nun auf meinen Füßen, denn sie setzten sich in Bewegung, sie liefen wie von selbst, passierten Polizeiautos und ließen sie dann hinter sich. Sirenen, Aktivisten, Plakate und Megaphone. Die Frau dahinter kreischte laut, zu laut. Ganz ohne mich. Denn ich dachte an das Meer, am Wendepunkt der Gezeiten, den kühlen Strand am Abend, in dem ich meine Füße vergrub. Ich dachte an das Meer, ohne Pause mich hinausziehend, immer weiter hinaus. Als ich losrannte, dachte ich an das Meer, in dem ich weite langsame Züge schwamm und hinaussah ins Nichts. Ich wand mich mit einiger Mühe durch die demonstrierenden Menschen und versuchte, vorwärts zu kommen. Schnell wurde ich müde, es war sehr anstrengend, das Geschrei, die lauten Durchsagen und das Gepfeife, dazu die Reden und Beschwichtigungen. Ich muss mehr auf mich achten, dachte ich.
Bald nach dieser Demonstration verlief sich der Kontakt mit meiner Freundin. Das letzte, was ich von ihr hörte, war, dass sie ein neues Leben begonnen hatte und ein ohnehin schon heruntergekommenes Hausprojekt in Berlin mit wahnwitzigen politischen Aktionen noch weiter zugrunde richtete. Ihr Mann, mit dem sie sich ständig darüber stritt, machte ihr Vorwürfe. Sie sei verrückt geworden, ließen sich diese zusammenfassen. Doch es schien, als hätte sie nicht einmal Zeit dazu, sich zu streiten. Sie fragte sich wohl nur bisweilen, ob noch ein Platz für ihren Mann übrig war in ihrem Haus, wenn es denn erst mal schön und gut sein und funktionieren sollte.
Mit einem Mal aber entschloss ich mich, ich dachte, nun aber, wann sonst. Dann sprang ich auf. Die zweite Runde begann, und wiederum gelang es mir, mich durch die Absperrungen zu schieben, vorbei an Menschenmassen und abgestoßen von ihnen und auf eine Statue zu klettern und das Handgemenge abzuwehren. Ich sammelte mich kurz und dann: Ich schrie laut. Ich schrie laut, während mich umgekehrt ebenfalls Schreie empfingen. Ich schrie laut, wobei mich die Schilder der Polizisten blendeten und wohl deshalb weiß ich nicht mehr, was genau ich schrie. Wenn ich heute darüber nachdenke, spielte es auch keine Rolle, doch die Wahrheit ist, dass ich mich gut fühlte dabei.
Drei Töchter habe ich nun, Vera, die älteste, Lea und Annabel. Drei Töchter habe ich, Lea, die nach ihrem Vater kommt, Annabel, die meine liebste ist, auch wenn ich das nie zugeben würde, und Vera. Nicht einmal zwanzig Jahre nach Berlin. Vera wird nicht auf Demonstrationen gehen, ich schätze, niemals. Sie ist sehr klug und ich empfinde an ihr eine bemerkenswerte Angepasstheit. Sie ist 12 Jahre alt und macht sich Spangen ins Haar und schäkert mit ihren Freundinnen und ist abends schon recht lange weg, aber nie lange genug, um böse auf sie zu sein. Ich weiß gar nicht, warum ich geschrien habe, es war wohl eher, weil die Sonne so schrecklich schien und mir die Polizisten leid taten und die Demonstranten auf eine ähnliche Art.
Mein Mann übrigens mag keine Sonne, nicht für sich. Er sitzt den ganzen Tag in einer kleinen Laube hinter dem Haus im Schatten. Die Bank, auf der er sitzt, macht mich schon vom Betrachten rückenkrank. Überall liegen Blätter, rostige Schrauben, Fahrradteile und halbausgetrunkene Kaffeeschalen, aber ihm gefällt es. Ich mag es, da zu sitzen, sagt er, wenn ich ihn darauf anspreche, ich mag es, die sonnige Straße zu sehen, aber aus dem Schatten heraus, das ist alles. Er macht nicht sehr viel und manchmal langweile ich mich sehr, wenn ich hinaus möchte und die Straßen entlang gehen und vielleicht ein Eis essen, in einer Eisdiele, die ich nicht kenne.
Es ist so sonnig heute hier unten am Fluss. Verschiedene silhouettenhaft geschnittene Menschen, die ich auch nicht kenne, passieren meine Bank. Sie bleiben stehen, entfernen sich dann und sind wieder in der Hitze verschwunden. Ich nehme das Buch zur Hand und lese. Vielleicht lese ich Camus‘ Der Fremde, das würde passen zu einem Tag wie heute. Und dabei denke ich an meinen Mann auf seiner Bank in seiner kleinen Laube, an meine Töchter und an meine Freundin in ihrem Hausprojekt in Berlin. Ich spüre den Wunsch, wieder auf eine Demonstration zu gehen. Und dann denke ich an ein ganz anderes Buch, an das Ende der Unerträglichen Leichtigkeit des Seins von Milan Kundera. Ich hoffe, ich erinnere mich richtig. Immer schon hat mich dieses Ende beeindruckt, als Tomáš zu Tereza sagt: „Hast du denn nicht gemerkt, dass ich hier glücklich bin?“ Für mich hat dieser Satz das Buch ausgemacht. Ein unverhofftes Glück inmitten auf den Kopf gestellter Tage.