Im Hallenbad

Eine Dame, ja eine Dame sitzt am Beckenrand des alten Schwimmbads – 50er Jahre Stil, die Decken holzverkleidet, pyramidenförmig, kaum merkbarer Chlorgeruch, eine Art Emporengang, von dem aus alle angehenden oder abgehenden Schwimmer alle aktiven oder rastenden Schwimmer beobachten können oder selbst beobachtet werden, ohnehin ein ständiger Blick in die Runde, von überall aus – sitzt eine Dame und hat die Beine übergeschlagen, unten, unter den Knien, ganz leicht nur.
Sie lächelt und sie hat ihren Kopf in einer Hand abgestützt. Eigentlich stützt nur der rechte Daumen das rechte Kinn ab, der rechte Zeigefinger hat sich um das Gesicht gekrümmt und liegt über ihren Lippen. Sie lächelt, ganz leicht nur, und ohnehin ist dieses Lächeln nicht richtig zu sehen hinter dem aufgelegten rechten Zeigefinger. Sie trägt einen hellen – weiß oder beige – Bikini, und einen bunten, aber ebenfalls hellen Sarong, der aber, in ihrer jetzigen Position, halb im Liegestuhl aufgestützt, eines ihrer Beine freilegt. Sie lächelt und sie weiß genau, was sie tut. Drinnen, im Becken, schwimmen die Menschen, ganz normal rechts, Brust- und Rückenschwimmen, in der Mitte kraulen sie, links außen dann schwimmen sie ganz langsam, wenn man das noch schwimmen nennen kann. Keiner der Schwimmer bemerkt sie, die Dame, auch der Bademeister ist anderweitig beschäftigt, er sucht die Becken nach Ertrinkenden ab.
Sie versteckt etwas, wie ein Geschenk, wie ein wertvolles Geschenk, das ihr nicht preiszugeben schwerfällt oder wehtut. Hinter ihrem Lächeln, hinter ihrem aufgelegten Zeigefinger. Sie möchte es preisgeben, das Geschenk, möchte den Finger vom Gesicht nehmen und den Mund öffnen und es sagen und möchte es nicht. So verharrt sie nun schon lange und dabei verzerrt sich ihr Lächeln, friert kaum merklich ein, bleibt und bleibt doch nicht und wird vielleicht ein wenig ungeduldig. Und doch bleibt sie sitzen, es ist ein Kampf, den sie unbewegt am Beckenrand kämpft. Sie vertröstet sich, auf später, sagt sich, später ist auch noch Zeit, jetzt sitze ich hier und lächle und bewahre mein Geheimnis auf für den, für den es bestimmt ist. Und das Warten fällt ihr leichter und ihre Gesichtszüge entspannen sich kaum merklich und sie bleibt sitzen, während die Schwimmer im Wasser ihre Bahnen ziehen und währenddessen die Menschen auf der Empore beobachten, die ihrerseits das Gleiche tun, in die umgekehrte Richtung. Sitzen bleibt sie, bis das Licht ausgeht.